1.08.2006 - Lieber die Taube im Mund, als den Stift in der Hand.
Mit diesem gewichtigen
Rüstzeug ausgestattet, wonach uns im Übrigen nie wieder
irgendjemand gefragt hat, ging es am folgenden Tag im Gänsemarsch
hin zum eigentlichen Zentrum des Centers. Ein Raum, mehr breit als
lang, dem man deutlich ansah, daß er in besseren Zeiten aus
mehreren Büros bestanden hatte; mit niedriger Decke an der die
graue Installation der Klimanlage sich wie eine summende Schlange
räkelte. Sowieso: Wohin man spuckte, lebte und rumorte es... In
vier Reihen mit schlichten TFT´s saßen jeweils zehn,
konzentriert, manchmal auch belustigt, dreinblickende Charaktere.
Stakkati von Mausklicks, hymnische Begrüßungsformeln,
salbungsvoll mit Inbrunst in das auf dem Kopf montierte Mikro
gejauchzt, erfüllten den Raum und wie ich vor diesem Perpetuum
Mobile stand, das Service und Produktivität in nie enden
könnender Wollust vereint, wähnten sich meine
ruheverliebten Sinne im Orkus – daher war jederzeit mit dem
Auftauchen eines Pudels zu rechnen. (Teamleiter pflegen jedoch
ihre/eine menschliche Gestalt vorzuziehen.)
In diesem Kessel bekamen
wir sechs, einer nach dem Anderen, einen Platz zugewiesen und wurden
mit sogenannten Weichen versorgt, denn wir sollten heute den Profis
lauschen dürfen. So landete ich, mit wenig Raum, neben einer
ebenso vollschlanken wie sympathischen Kollegin, die sofort Anstalten
machte, die vor uns liegende Arbeitsfläche zu entrümpeln,
auf das auch ich meine Notizmaterialen würde ablegen können.
Man stellte sich kurz vor und dann betätigte Frau Rörig
auch schon den Höllenknopf, was das tastenbewehrte Telefon mit
frenetischem Klingeln quittierte.
Manuell gab es nicht viel
zu tun außer einigen Wenigen spartanischen Handgriffen. Die
Zeit zwischen Annehmen und Auflegen jedoch hatte es in sich.
Offensichtlich war seit einiger Zeit in den Gesprächen häufig
von einem gewissen Thomas Stahl die Rede, der Hauptverantwortlich
eine ganze Region von der Stromversorgung abgeschnitten hatte. Zudem
hatte es heftig geschneeregnet, was wohl besonders zum Tragen kam.
Und da weder Herrn Stahl, noch dem Wetter habhaft zu werden war,
wurden wir nun von gesprächigen Kunden ohne Strom sprichwörtlich
auf Trab gehalten. Dabei mußte ich zu meiner großen
Überraschung zur Kenntnis nehmen, daß viele unserer GP`s
nicht nur bestens über alle Möglichen vermeindlichen
Zusammenhänge informiert sondern offenbar auch
Metallurgieexperten waren. Leicht vorstellbar, daß die
Atmosphäre spannungsgeladen war, schließlich ging es hier
um abgetaute Tiefkühltruhen und verdorbene Geburtstagskuchen.
Der Gedanke mich selbst bald mit solchen Leuten über Banalitäten
streiten zu müssen erfüllte mich mit unruhiger Vorfreude.
Doch für Profi Rörig kein Grund zum Wimpernzucken. Wie der
geschickte Torero bot sie den Argumenten ihres GP`s erst leichten
Widerstand, um dann mit verbalem Ausfallschritt und
unvergleichlicher Demut den Angriff ins Leere laufen zu lassen. Statt
Parade war, und das ist geradeaus genial, Pomade angesagt -
schließlich trägt man den Stolz im Herzen und nicht auf
den Lippen. Und so formten die meiner Kollegin unentwegt aber
ausdrucklos Entschuldigungen für Thomas-Maststahl, Wetter,
hurende Vorstandvorsitzende, alimentierte SPD-Politiker oder schlicht
und einfach die Warteschleifenmusik. Mein erster, wenn auch passiver
Tag, in der „Line“ wurde ein köstliches Vergnügen.
Franziskanermönche
legen das Profex ab und verpflichten sich damit zu Armut, Gehorsam
und Demut. Während diese aber für Vorbereitung und
Entschluß Jahre des Bedenkens haben, lagen vor uns nun bereits
nach wenigen Tagen die eheren Papiere deren Unterzeichnung einem
ähnlich extremen Gelübte gleichkam. Aus der
vernunftbegabten und krisenwitternden Perspektive meiner Großmutter
laß sich das vorliegende Papier ausnehmend gut. Flexible
Arbeitszeiten mit festem Stundenlohn, bezahlter Urlaub und
Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, aber auch Verzicht auf die Rechte
an Betriebserfindungen oder die beurkundete Bereitschaft auch mal
mehr zu Arbeiten, wenn es nötig sein sollte...
Folgsam Großmutters
Worte: „Junge, lieber den Stift in der Hand, als die Taube im Mund,
Junge...“ beachtend und Großvaters Hinweis „...nach dem
Krieg mußten wir den Hörer noch selbst abnehmen...“ im
Ohr, setzte ich meinen Kristian Ziege auf die gestrichelte Linie.
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29.07.2006 - Schulung
Ich hatte formlos per Telefonat von meiner Anstellung erfahren; die dazugehörige Post war offenbar unbekannt verschickt worden. Zwei Wochen Schulung in Kleingruppen wurden angesetzt, mit anschließendem Sprung ins kalte Wasser der Telefonie. Meine paritätisch zugesetzte Kleingruppe bestand aus sechs Personen, von denen ich später genau die Hälfte Kollegen nennen würde. So trafen wir uns dann an einem Montagmorgen im hübsch klimatisiertem Konferenzraum in dem bereits der unvermeidliche Laptop samt Beamer für das unsäglich Folgende bereitgestellt waren.
Die Inhalte der folgenden Powerpointpräsentation waren ein Musterbeispiel für die oft verdrängte Problematik der Simplifizierung komplexer Zusammenhänge durch das Programm von den Ufern des Styx. Das Fragwürdige ist schnell auf die Punkt gebracht: Das Material wird Teletubbieisiert (wenn ich mir diese Wortschöpfung erlauben darf). Befragt man beispielsweise geplagte Studenten nach fünfzehnminütiger Bestrahlung zur fünften Folie, können sie sich an drollig bunte Rechtecke und womöglich sogar deren Farben erinnern. Was diese geometrische Fata Morgana allerdings beschwören sollte, ist verschwunden. Es bleiben große Klammern zwischen den einzelnen Kapiteln, denn die haben Überschriften. Und weil sich das offenbar rumgesprochen hat, war unsere Schulungsführung zur raffinierten Taktik der kontinuierlichen Wiederholung übergegangen. In der Praxis hieß das ein simples Modell zwei Wochen lang bis zum Erbrechen wiederzukäuen. Ziel war das Erlernen der Codewörter zur internen Agentenverständigung. Und Kern der Wortschatz des Computersystems, dass, nun frisch eingeführt, die über sechs Millionen Kunden verwaltete. Nachvollziehbar, dass hier Grundkenntnisse in MS Office oder ein Schreibmaschinenkurs wenig weiterhelfen. Deshalb soll die Sinnhaftigkeit folgender sich vorwehrend wiederholender Folie an dieser Stelle auch nicht in Frage gestellt werden:

Die korrekte Reihenfolge im sogenannten EBL Haus entsprach dem logischen Aufbau des namensgebenden SAP-Bastards für Energiekonzerne. Allerdings nötigt das, manchem als Sanduhr Aufruf Programm bekannte System, dem gelehrigen Padawan auch schwer akkumulierbare Platitüden ab, deren Kenntnis unabdingbar ist, will man dem Kunden den Strom wieder andrehen. Die allerdings, die stehen nicht im EBL Haus.
Ich bin nicht sicher, ob bereits die Beschäftigung oder aber der ständige Gebrauch von Fachidiotenwortschöpfungen jeglicher Coleur dazu führt, dass sich mit der Nischensprache auch eine Einschränkung des Bewusstseins einschleicht verständlich wäre es, denn wir benutzen zum Denken die selben Worte wie beim Reden. So relevant aber SAP/EBL-Sprech hier noch sein wird; es entwickeln sich in diesen Centern der Sprachkultur noch andere Kommunikationsformen von sublimerer Gestalt, die, das muss gesagt werden, auf die Raffinesse und Begabung ihrer Mitarbeiter hindeuten. Problematisch ist das für den GP, dem leicht die Unkenntnis zum Verhängnis werden kann. Um also den praktischen Wert dieser Zeilen bereits frühzeitig für den geneigten Leser greifbar zu machen, ist ein Exkurs in den drei Grundtypen der CallCenter-Mißverständnisse unabdingbar.
I. Die zurückgehaltende Information
Agent: Bezahlen Sie so schnell wie möglich! Klartext: Machen Sie eine Bareinzahlung, faxen Sie den Bareinzahlungsbeleg an den Außendienstler, sonst haben Sie morgen früh ab 9:00 Uhr keinen Strom mehr.
Agent: Gern, ich melde Sie dann rückwirkend zum 01.06.05 an. Dann gibt’s in den nächsten Tagen Post mit unseren Begrüßungsschreiben... Klartext: Sie bekommen die letzten anderthalb Jahre Abschlagszahlungen auf einmal in Rechnung gestellt und auch keine Ratenzahlung, weil Sie sich zu spät angemeldet haben.
Agent:...fristgerecht...berechtigt...jahresrechnung...abschlagsplan... Klartext: Ich storniere die Mahngebühr nicht!
Agent: Einen kleinen Moment bitte, ich möchte gern einen Vorgesetzten dazu befragen. Klartext: Ich hab keine Ahnung, was Du von mir willst!
Kunde: Ich hab keinen Strom mehr. Agent: Rufen Sie nen Elektriker an, wir haben damit nichts zu tun. Klartext: Der Außendienst wollte den Nachbarn sperren, hat aber aufgrund einer jahrelange zurückliegenden Zählerverwechselung natürlich die Falschen erwischt.
Kunde: Wie ist mein Kontostand? Agent: Alles im grünen Bereich! Ich wünsche noch einen wunderschönen Tag! Klartext: Die Jahresrechnung über 1500€ die Du nächste Woche kriegst, erwähne ich hier lieber mal nicht.
II. Anfragen, die in die endlos Warteschleife führen
Kunde: Erklären sie mir die thermische Gaspreisberechnung.
Kunde: Wieviel Energie verbrauche ich um einen Liter Wasser zum Kochen zu bringen?
Kunde: Wann kommt der Außendienst zum Ablesen?
Kunde: Ich speise in Ihr Netz ein und möchte einen Zählerstand durchgeben...
Kunde: Warum sind inflationsbereinigt die Preise im Verhältnis zu meinem Nettoverbrauch aus den letzten zehn Jahren nicht analog zur Entwicklung an der Energiebörse EEX gestiegen, sondern orientieren sich meinen Berechnung nach, am selben Verhältnis des Goldenen Schnittes von Leonardo Da Vinci; der ja bekanntermaßen Templer war, genau wie Ihr Vorstandsvorsitzender?!
Kunde: Ich hab Steine auf die Gleise gelegt und will 10.000€.
Kunde: Ich will Ihren Vorstandsvorsitzenden sprechen... (sich dabei nicht abwimmeln lassen!)
III. Die verdeckte Verarschung
Kunde: Ich will Ihren Vorgesetzten sprechen! Agent: Einen Augenblick bitte, ich verbinde Sie gern... (mit dem Agenten nebenan...)
Kunde: Dürfen Sie Entscheidungen treffen? Agent: Selbstverständlich!
Kunde: Ich möchte meine Bankverbindung ändern... Agent: Gern... (Du Arschloch!)
Kunde: Sitzen bei Ihnen auch Ausländer vor den Computern? Agent: Also in meiner Abteilung nicht! (...aber die Computer sind aus Asien und unser Konzern weltweit aktiv, Du verkappter Fascho...)
Es braucht seine Zeit um dieses hohe Maß an kommunikativem Geschick zu entwickeln und so tut es nicht wundern, daß gerade Kommunikation Grundbestandteil des Unterrichts war. Wie viele von uns dann leidvoll erfahren mussten, beruhen derartige Veranstaltungen bis zum nächsten Paradigmenwechsel offenbar ausschließlich auf den Werken des Friedemann Schulz von Thun. Dabei verhält sich der berühmte Kommunikationswissenschaftler in seiner Disziplin, so wie Dietrich Schwanitz zu der Seinigen: populär, eingänglich, reproduzierbar und an jeder Bahnhofsbuchhandlung zu erwerben. Sicherlich beruht der Erfolg auch zum guten Teil darauf, dass systematisiert und verschlagwortet wird, was unterbewusst jeder weiß aber unterschiedlich beachtet...
Wer kennt und liebt nicht sein „inneres Team“, achtet auf die Apellationsebene, wenn Freundin sagt: „Ich fahre zu meiner Mutter...“ oder streitet sich mit seiner „inneren Pluralität“ über die Gesprächsleitung. Mir wurde nach den vier Stunden „Einführung in die Kunden-Kommunikation“ bewusst, daß auch außerhalb des Reichstages in kurzer Zeit viele sinnvolle Dinge als schale Worthülsen verballert werden können... und das stimmt hoffungsfroh.
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16.07.2006 - Assessment for Dummies
Assessment Center haben ja das klassische
Vorstellungsgespräch in vielen Branchen abgelöst, was auch Sinn macht, vereint
das Modell doch viele Vorteile: Effizienz wäre zu nennen, denn es ist möglich
eine große Anzahl an Bewerbern parallel zu bewerten; auch Berechenbarkeit
spielt eine Rolle, denn niemand wird in der gruppendynamisierten Situation auf
die Idee verfallen seine Kreativität durch beispielhaftes Deklamieren
zeitgenössischer Lyrik unter Beweis zu stellen. Und ferner Anonymität, da eine
wirkliche Beschäftigung und Auseinandersetzung mit dem Bewerber, Auge in Auge,
wünschenswerter Weise vermieden werden kann und zuletzt, ganz groß, die
Zielorientierung: man prüfe die notwendigen Grundkompetenzen und verzichte
weiträumig auf Faktoren die langfristig Bedeutung haben, also derartig
schwammige Dinge wie soziale oder emotionale Eigenschaften. Stilvoll eingesetzt
ein pragmatisches Mittel um Mitarbeiterfluktuationen aufzufangen.
Bei uns jedoch war davon noch nicht die Rede, denn das Projekt war neu und neue
Mitarbeiter braucht das Projekt. So wurden dann auch unsere Grundkompetenzen
für den Job in den Mittelpunkt des Interesses gestellt. Die waren relativ
einfach und sind im folgenden Schaubild erkennbar gemacht:

Und es in einem Satz auszudrücken: Das Begehren des
Anrufen psychologisch geschickt in knapper Zeit filtern, es bestenfalls
umsetzen und dabei das Gefühl vermitteln, es sei einem eine Ehre. Freilich hat
das, wie ich später noch feststellen sollte, nichts und ich meine, gar nichts,
mit der Realität zu tun.
Die Mittel des psychologisch geschulten
Führungs-Trios zur Prüfung dieser Eigenschaften schienen auf den ersten Blick
der Handbücherkombination „Assessment for Dummies“ und „Führen – leicht
gemacht“ entnommen, denn nach der unvermeidlichen Firmenvorstellung mittels
Powerpoint, kam die Vorstellungsrunde in der, wieder so eine Ausgeburt eines
eifrigen Manager Magazin Lesers, mein Nachbar mich und ich ihn vorstellte. So
erfuhr ich auch, dass mein Politikwissenschaftskollege Gerald hieß und sich auch
dieses Jahr zum x-ten Mal bei der Schauspielschule bewerben wollte. Kaum hatte
er dies ausgesprochen sah ich links von mir ein Lächeln über ein Gesicht
huschen, denn auch diese Dame, bedeutend jünger, hatte Ähnliches vor und in
Geralds Angesicht wohl zum ersten Mal das Gefühl, dass sie wenigsten diesen da
aus dem Felde schlagen werde. Während die zwei Herren des Trios also fleißig
ominöse Notizen machten, lenkten wir uns gegenseitig eine Weile mit den
Vorzügen und Hobbies der Anderen ab -
zum Glück musste niemand die Namen der Vorgestellen nachmemorieren.
(Vielleicht sollte das mal jemand dem MM vorschlagen.) Schließlich wurde
von der adretten Triumveratsvorsteherin Kopierpapier in A4 verteilt und auf
manchem Gesicht zeichnete sich ein Anflug ehrfürchtigen Entsetzens ab!
Davon wurde bereits im Fahrstuhl geraunt und in den
Fluren bei der letzten Zigarette gemunkelt. Eine Geschichte würde erzählt
werden, hieß es von einem bärtigen Anfang Zwanziger, voll komplexer Details mit
schwierigen Interdependenzen, die es dann gelten würde, kurz sowie knapp und
orthographisch korrekt auf den Punkt zu bringen. Notizen durften nicht gemacht
werden, allein das Gedächtnis und die Fähigkeit zu logischen Extrapolation
komplexester Zusammenhänge sollten im Mittelpunkt der Tortur stehen. Kurzum, es
ging ein Ruck durch die Reihen der Delinquenten. Ich befürchtete das
Schlimmste, den Ausschnitt einer Regierungserklärung (unmöglich da den Punkt
zu finden) oder gar ein aktuelles Werk des Stuckrad-Barre, aber es kam das
hier:
Eine Arbeitslose
bewirbt sich als Reinigungskraft bei IBM. Der Personalleiter lässt sie einen
Test machen (den Boden reinigen), darauf folgt ein Interview und schließlich
teilt er ihr mit: "Sie sind bei IBM eingestellt. Geben Sie mir Ihre
E-Mail-Adresse, dann schicke ich Ihnen die nötigen Unterlagen". Die Frau
antwortet ihm, dass sie weder einen Computer besitzt noch eine E-Mail hat. Der
Personalmensch antwortet ihr, dass sie ohne E-Mail-Adresse virtuell nicht
existiert und daher nicht angestellt werden kann. Die Frau verlässt verzweifelt
das Gebäude mit nur 10 $ Reisekosten in der Tasche.
Sie beschließt, in den nächsten Supermarkt zu gehen und 10 Kilo Tomaten zu
kaufen. Dann verkauft sie die Tomaten von Tür zu Tür und innerhalb von 2
Stunden verdoppelt sie ihr Kapital. Sie wiederholt die Aktion 3 Mal und hat am
Ende 160 $. Sie realisiert, dass sie auf diese Art und Weise ihre Existenz
bestreiten kann, also startet sie jeden Morgen und kehrt abends spät zurück.
Jeden Tag verdoppelt oder verdreifacht sie ihr Kapital. In kurzer Zeit kauft
sie sich einen kleinen Wagen, dann einen Lastwagen und bald verfügt sie über
einen kleinen Fuhrpark für ihre Lieferungen. Innerhalb von 5 Jahren besitzt sie
eine der größten Lebensmittelketten der USA. Sie beschließt an ihre Zukunft zu
denken und einen Finanzplan für sich und ihre Familie erstellen lassen. Sie
setzt sich mit einem Berater in Verbindung und er erarbeitet einen
Vorsorgeplan. Am Ende des Gesprächs fragt der Vertreter sie nach ihrer
E-Mail-Adresse, um ihr die entsprechenden Unterlagen schicken zu können. Sie
antwortet ihm, dass sie nach wie vor keinen Computer und somit auch keine
E-Mail-Adresse besitzt. Der Versicherungsvertreter schmunzelt und bemerkt:
"Kurios - Sie haben ein Imperium aufgebaut und besitzen nicht mal eine
E-Mail-Adresse. Stellen Sie sich mal vor, was Sie mit einem Computer alles
erreicht hätten!" Die Frau überlegt und sagt: "Ich wäre Putzfrau bei
IBM".
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14.07.2006 - Universelle Logik
So war der Andrang beim Assessment Center des Call Centers
um das es hier gehen soll auch signifikant groß. Trotz ausdauernder
Zeitungsannoncen schien der Bewerberstrom nicht abzureißen, so dass man es auch
in dieser Runde auf etwa 25 Teilnehmer brachte. Zu vergeben waren eine
unbekannte Menge Jobs im Inbound Projekt eines namhaften Energieversorgers mit
dem fantastischen Stundenlohn von 8,25€ Brutto. - Klang auch in der Zeitung
schon gut, was aber auch bedeutete, daß neben dem Standardtypus „Student sucht
Job“ auch andere Kaliber aufliefen.
Während
also der Beamer vor sich hin summt, sich die Strategen einen guten Platz im
namenlosen Konferenzraum suchen und zwischen den Adepten die ersten, leisen
Gespräche beginnen, werde ich als ungewollt von einem Call-Center-Hobber in
Kurzform über seine einschlägigen Erfahrungen aufgeklärt – und das bevor ich
meinen Mantel ausziehen konnte. - Ich gebe an dieser Stelle gleich zu, dass ich
nicht richtig zugehört habe und mir anhand der Fetzen, die mir in Erinnerung
geblieben sind, meinen Teil dazu dichte: im 23 Semester Politik, aber dennoch
unverdrossen Idealistisch hatte er beinahe jede kapitalistische
Telefonausbeutungsbude aufgrund Geldmangels kennen gelernt, wurde natürlich
immer aufgrund seines schwer zu verbergenden rhetorischen Geschicks angestellt,
bald aber wieder entlassen. Offiziell, weil er jede einzelne Minute seiner
Anwesenheit auch bezahlt wissen wollte und damit so lange nervte, bis ihm
keiner mehr den Vertrag verlängerte. Inoffiziell aber, so raunte er verschwörerisch,
weil er sich nicht mit dem repräsentierten Unterdrückerkonzern identifizieren
konnte und wollte. Sein Schlusssatz war: „Wir brauchen eine neue RAF!“ Das ich
hier zunächst an die Raiffeisenbank dachte, zeigt wohl, dass ich alt werde. Ich
versuchte derweil konzentriert einen desinteressierten Eindruck zu machen, denn
ich hatte anderes im Sinn.
Wenn man
seit geraumer Zeit Single ist, sieht so eine Bewerber- eher wie eine
Kandidateninnenrunde aus... Wer jetzt allerdings eine schicke Beschreibung
erhofft, wird enttäuscht, denn es muss mit einem Vorurteil aufgeräumt werden,
dass völlig unbegründet und nur durch das explizite Marketing der Call Center
Größen entstanden ist: die Mädels mit den Head-Sets sind nicht blond, attraktiv
und freuen sich lächelnd auf den nächsten Kunden, den es zu bezirzen gilt!
(Ausnahmen bestätigen die Beständigkeit dieser Regel.)
Denn als
ich zwischen den Langzeitstudis und Arbeiterkindern die Frauen entdeckte, die
nicht gerade mal die Akademikerlaufbahn eingeschlagen hatten, verdichte sich
der Verdacht, dass hier vom Universum eine Formel von simpler Logik angewandt
wird: „Was den Haaren an Länge fehlt, wird durch Umfang des Bauches
kompensiert.“ Das klingt fies chauvinistisch, aber ist, aus eigener Erfahrung,
das Gewicht ein nicht zu unterschätzender Faktor! Der gemeine Agent braucht
einen funktionstüchtigen Stuhl, er hat keinen eigenen, muss ihn also teilen und
bekommt ihn bald zerteilt zurück – und nirgends ein Q, der eine sich
selbstverteidigende Variante bereithält. Mein besorgter Blick auf das gerade
benutze Sitzmöbel beruhigte mich wieder, was gut war, denn ein weltmännisch
gekleidetes Trio mit strengen Mappen unter den Armen trat ein und es ging
offenbar los.
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12.07.2006 - Gut oder Böse?
Wie
einstmals politische Splittergruppen (aus denen man sich gegenseitig wieder
ausschließen konnte) schießen die Dienstleister aus dem Bogen und gieren, ganz
im Trend der Globalisierung nach flexiblen, innovativen, dynamischen, belastbaren
und fröhlichen Qualitätsfreunden – gutes Aussehen erwünscht, aber kein muss.
(Klingt nach genau den Eigenschaften die mancher Nachbar im BWL-Seminar wie ein
Mantra vor sich hinbetet; natürlich nicht um zu bitten, nur zur Demonstration.)
Stand 2005 bieten ca. 5600 Call Center ihren etwa 350.000 Beschäftigten
befristete Arbeitsverträge auf Stunden- oder Provisionsbasis bei flexibler
Zeiteinteilung – der Traumjob für jeden ernstzunehmenden Studenten. Zumal der
Vielzahl der Dienstleister eine weitaus größere Zahl an Dienstleistungen
gegenübersteht. Erstmal ist dabei jedoch zwischen Gut und Böse, oder im
Fachjargon: Outbound und Inbound zu unterscheiden. Outbound ist Böse, ganz
klar, denn hier wird vom SKL-Los über Babynahrung und Holzkohle bis hin zum Premiereabo
als telefoniert, was vertickert werden kann. Dem nicht genug wird harmlosen
Zeitgenossen die entnervt vom schlechten Service ihren Handyvertrag oder das
Premiereabo gekündigt haben, durch das sogenannte KüMa hinterhertelefoniert
inklusive dem Angebot oft fataler Alternativen. Man stelle sich nun einen
Premiereagenten vor, der nach dem Verlust der Fußballrechte sein
Philosophielexikon über Provisionen finanzieren will – mehr ist dazu nicht mehr
zu sagen. Direkt Gegenüber steht das sogenannte Inbound und das ist gut -
zumindest für den telefonierenden Agenten, denn hier ist er selbst der Herr
über Wohl und Wehe; die Hand die den Hörer hält. Und, mit Verlaub, es sind Sie,
die uns in diesem Fall mit Anrufen penetrieren, wenn Sie ihren Handyanbieter,
den Energieversorger oder ihren Internetprovider mit einem berechtigen Anliegen
behelligen. Es ist selbstverständlich, dass Inbound beliebter ist, denn als
Student ist man von Natur aus gewöhnt überzeugt zu werden und überzeugend oft
nur in der Adaption zu sein.
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11.07.2006 - In and suddenly Bound
Dasklassische Bild des Studenten aus den alten Tagen von Revolutionsrhetorik undTalar-Ausverkauf hat inzwischen nichts mehr mit der Realität zu tun. -Sicherlich treiben sich zwischen Instituten und BWL-uniformiertenBacheloranwärtern noch ein paar ewig gestrige Avantgardisten vom Typzur-Schau-gestelltes-Arbeiterkind herum, aber ganz offensichtlich ist die Zeit,in der man reich an Zitaten, aber arm an pekuniären Mitteln war vorbei. Auchmöchte niemand mehr sich mehr mit Hirseeintopf „Burikano Faso“, Dritte-Welt-Gerichtdes Monats aus der Volx-Küche den Magen verderben; insbesondere wennStudiengebühren vor der Tür stehen. Wenn man also keine reichen Elternhat und/oder aber eine Aversion gegen die BAföG-Bürokratie hegt, bleibt nur:arbeiten.
Und Dank des technischen Fortschritts sowie ungeheurer Akkumulationsprozesse inder Weltwirtschaft haben sich attraktive Beschäftigungschancen entwickelt, die,mehr denn je, dem Studenten und seiner Natur entsprechen. Wurden, wie man hört,in früheren Zeiten schweißbewehrten Angesichts Brauerei LKW (oft gegenNaturalien) entladen oder Akademikerhände durch fies fettige Teller respektiveden Humor des Wirts beschmutzt, so haben wir heute Alternativen derenGrundkonfiguration nahezu ideal zu nennen ist: Rumhocken und Rumlabern in CallCentern.
to be continued...
studiVerlag.de BeckBar.de schlackersack.de callcenteragenten.de textContest.de
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Über mich
Egal ob Strom, Wasser, Handy oder Internetprovider: Wer Ärger mit Rechnungen, Mahnungen oder einfach nur eine neue Bankverbindung hat, landet wie Heerscharen von Hilfe suchenden Kunden in den Warteschleifen der Call Center - am anderen Ende die Avantgarde studentischer SAP Benutzer...
Einer von Ihnen beichtet in „CallCenter! Agenten im Dienste des Kunden“ die Sünden seiner Zunft in harten und doch zarten Worten...
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